Melbourne ich hasse liebe dich!

img_5590 Melbourne. Du und ich, das ist wie eine Hassliebe. Erst bringst du mich dazu, mich in deine strahlende Unschuld zu verlieben und im selben Moment würdest du mir nicht einmal die Hand reichen, wenn ich dem Abgrund nahe bin. Was ich damit sagen möchte, du trügst. Du bist mir erst entgegengekommen, als ich bereits drauf und dran war zu flüchten. Und nun sieh mich an, ich sitze in einem Bus, der Zivilisation desertierend. Deine atemberaubenden Wolkenkratzer ziehen an mir vorbei. Ich befinde mich auf meinem Weg, Ruhe vor dir zu finden. Auf einer Insel. Mit gerade mal 10.000 Einwohnern. Danke für die schöne Zeit, aber ich denke es ist gut, mich für einige Monate von dir zu trennen. Ich werde wiederkommen, keine Frage. Du hast mich einfach zu sehr verzaubert, als dass ich mich so einfach von dir losreißen könnte. Aber erstmal ist genug mit den Spielchen. Genug von dieser Hassliebe.

Natürlich wusste ich vor meiner Abreise, dass Australien kein märchenhafter Traum werden wird. Kein Rosentanz. Kein Zuckerschlecken. Nein! Ich wusste, es wird eine harte Zeit. Man ist auf sich selbst gestellt, man muss den eigenen Konsum kontrollieren. Man muss planen, einordnen, mitdenken. Doch so ehrgeizig wir es versuchten, desto weniger kam dabei heraus. Ich wusste auch, dass die Australier einen Fetisch haben, Backpacker  auszunutzen. Wer würde das nicht.

Aber dass ich diese Erfahrung am eigenen Leib erleben würde, war mir nie bewusst. Ich dachte, das wird schon. Irgendjemand wird sich schon finden. Ha! Falsch! Wie sehr wünsche ich mir, Australien wäre wie eine Attraktion auf Tripadvisor, der man eine deftig ausführliche Bewertung an den Kopf schmeißen könne. 

melbourne_1 melbourne_art_graffitimelbourne_federation_squareDie Wahrheit ist, wir haben eine Woche nachdem wir in Melbourne strandeten, eine Stelle in einem Restaurant gefunden. Dieses hätte nicht paradiesischer sein können. Mitte am Strand, eines der besten Restaurants Australiens, nettes Umfeld, grandiose Bezahlung. Aber, ein Haken war da. So tolerant wie sich die Leute dort den Menschen von Übersee auch gegenüberstellten, desto weniger waren sie es. Wir sollten binnen zwei Tagen alle Gerichte, Weine, Cocktails, Biere auswendig wissen. Hört sich einfacher an als es ist. Aber. Es ist menschlich von jemanden zu verlangen, zu wissen was wozu gehört. Es ist unmenschlich von jemanden zu verlangen, zu wissen woher, wann, wie, Geschichte, Preis, Geschmack und Co. , wenn man als Chef selbst keine Ahnung hat.

Mittlerweile bin ich es ja gewohnt, dass man in der Gastronomie keine Schulung bekommt. Irgendwo finde ich das auch gut. Unter Druck kann man sich nunmal besser einarbeiten. Aber bei einer Neueröffnung selbst als Manager so unorganisiert und verplant zu sein. Traurig. Uns wurden Gründe an den Kopf geworfen, die dreister nicht hätten sein können. Die eigenen Schuld wir natürlich nie in Frage gestellt. Irgendwo bin ich auch froh dort wieder raus zu sein, aber wir haben uns die größte Mühe gegeben. Und als Dank bekamen wir eine Woche lang nicht mal den geringsten Bescheid, was nun Sache ist. Merci. 

melbourne_australia1 melbourne_eureka_tower Nun, nach diesem Desaster, machten wir uns auf den Weg unsere Curriculum Vita’s –  kurz Lebensläufe – zu verteilen. Gute zwanzig Stück gingen dabei aus unseren Händen. In ganz Melbourne. Uns wurde versichert, man würde sich melden. Wir hätten eine Handvoll Erfahrungen vorzuweisen. Gebracht hat es folgendes. Ein Anruf.

Voller Erwartungen machten wir uns nun zum hoffentlich nächsten Arbeitgeber. Dieser schien vollends überzeugt von uns zu sein. Bedankte sich während der Schicht bei uns, was wir für einen guten Job machten. Wir bekamen Essen umsonst, das Arbeitsklima machte einen wunderbaren Eindruck. Nun der erneute Haken. Immer wieder hörten wir, dass es zwei Ausfälle für diesen Abend gab und sie nun froh sind Ersatz zu haben. Ersatz. Auf der Suche nach etwas zu trinken, stieß ich dann auf einen unfassbar hohen Stapel Lebensläufe. Normalität? Natürlich. Am Ende des Abends wurde uns versichert, wir dürften wiederkommen. Sie würden sich bei uns melden. Uns einen Anruf geben. Witzig, dass wir für acht Stunden Arbeit labbrige vierzig Dollar bekamen. Danke für Nichts! 

melbourne_graffiti melbourne1Die Suche ging über sämtliche Onlineportale weiter. Zwei Wochen lang meldete sich keiner. Erst jetzt, drei Tage vor meiner Abfahrt, bekam ich unzählige Mails. Ich lehnte dankend ab, denn ich würde mein Glück nun auf Phillip Island versuchen. Ich hatte mir das anders vorgestellt. Aber bin dennoch dankbar nun bei Deutschen anfangen zu können. Denn ich weiß einfach, dass Deutsche eine andere Auffassung von Arbeitsmoral haben.

Ich möchte natürlich niemanden entmutigen, Arbeit in Melbourne zu finden. Mir selbst bricht es das Herz, dass ich diese zauberhafte Metropole verlassen muss. Aber jedem sollte bewusst sein, wie hart es wird. Ihr findet auf dem Land viel einfacher eine Arbeitsstelle als in der Großstadt. Logisch. In den Städten ist jeder ersetzbar in kürzester Zeit. Auf dem Land sind sie über jede Hilfe dankbar. Und falls alle Stricke reißen sollten, gibt es ja immer noch WWOOFING und Workaway. Arbeiten für Kost und Unterkunft.

Ich denke so eine kleine Auszeit von der Extreme tut mal ganz gut. Auch meinen Alkoholkonsum werde ich damit wohl einstellen können haha.

Melbourne, ich liebe dich trotzdem! 

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8 Comments

  1. Dezember 1, 2016 / 15:06

    Ein toller Bericht. Sehr interessant zu lesen, vor allem da ich demnächst selbst nach Melbourne reisen werde, im Zuge meiner Weltreise. 🙂 Lg Nele

    • down-admin
      Dezember 2, 2016 / 2:39

      Vielen lieben Dank Nele, das freut mich zu hören! Viel Erfolg bei deiner Weltreise 🙂

  2. OpsOm
    Dezember 11, 2016 / 21:29

    Klasse der Bericht! Schön zu wissen das der Verfasser stark genug ist alles zu meistern!
    OpOh.

    • down-admin
      Dezember 23, 2016 / 23:18

      Danke Opsom 😛

  3. Januar 11, 2017 / 9:38

    Man sollte die Großstadterfahrung vielleicht auch mal genau anders herum sehen. Warum sollten die Ausis anders agieren/reagieren, wo sie doch damit durch kommen. Es ist letztlich das Problem der Backpacker, die in zu großer Zahl die Metropolen suchen und sich damit selbst den Markt zerstören. So ist das beim Backpacking wie auch beim BWL-Studium. Alle bzw. viel zu viele wollen das Gleichen, fühlen sich dabei aber trotzdem toll individuell und in der Realität außerhalb des Ponyhof sieht man dann die graue Wirklichkeit.

    Aus diesem Blickwinkel hat dich doch die Großstadt der Realität sehr nahe gebracht. Es wurden in kurzer Zeit Dinge vermittelt, die Schule und Eltern offenbar in x Jahren Kraftanstrengung nicht vermitteln konnten oder ggf. sogar gar nicht vermitteln wollten. Willkommen im Leben! Allein für diese Erfahrung hat ich deine Reise gelohnt! Suche deine persönliche Nische, beobachte, was alle tun und tue genau das nicht. Und dir wird es besser gehen als der breiten Masse der Amöben, die sich im breiten Strom des Mainstreams treiben lassen anstatt selbst zu schwimmen. Zur Not gegen den Strom! Weiter so!

    • down-admin
      Januar 24, 2017 / 9:48

      Da hast du vollkommen Recht! Danke für deine Worte! Allerdings hat mir Melbourne einfach zu gut gefallen, dass es mich einfach nicht angehoben hat, woanders zu suchen. Wir waren blind und haben den falschen Schein einfach nicht erkannt. Bis es dann eben soweit war, dass man aus Geldnöten umdenken musste. Aber ich bin froh, dass es so gekommen ist. Ohne diesen Ruck, hätte ich viele Dinge gar nicht erleben können, die ich durch den Umzug erlebt habe. Und wie du schon sagtest, hat sich die Erfahrung gelohnt.

      Btw, Entschuldige, dass ich deinen Kommentar erst so spät veröffentliche. Aber ich kam jetzt überhaupt erst dazu, ihn zu lesen. Dies hat rein gar nichts mit Zensur zu tun. Es ist einfach nur das Leben außerhalb von Sozialen Medien. Deine versteckten Komplimente habe ich sehr wohl wahrgenommen! 🙂 Cheers! Und danke für den Hinweis 😉

      • down-admin
        Januar 24, 2017 / 9:54

        P.S: Ich bin immer noch auf der Suche nach dem gestreckten Zeigefinger?!

  4. Horst Schmidt
    Januar 17, 2017 / 7:20

    Traurig, wenn Privatleute anfangen Meinungen zu zensieren und ganz offenbar versteckt formulierte Komplimente dabei nicht einmal verstehen. Mit < 25 ist eben vieles doch noch zu Ponyhof.

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