Zärtlich streicht sie mir meine wirren Haare aus dem Gesicht, tätschelt meine Wangen und haucht mir einen liebevollen Morgengruß zu. In der Wohnung verbreitet sich bereits der Geruch von frischen Brötchen und Kaffee. Die schmalen, warmen Sonnenstreifen wirbeln mir um mein Näschen, bis ich mich doch bemühe aufzustehen. Es scheint ein herrlicher Tag zu werden, den ich mit einem besonderem Menschen verbringen werde. Wir gegen den Rest.

Nachdem wir uns von einem reichlichen Frühstück gestärkt haben, werfen wir uns in Schale und begeben uns mit dem Fahrstuhl nach draußen. Nie zuvor käme ihr der Gedanke, jemals wieder einen Schritt in einen Fahrstuhl zu setzen. Schreckliche Erinnerungen lassen sie unverblümt daran zurückdenken, was vor Jahren geschehen war. Doch mittlerweile ist alles anders. Sie vertraut mir und holt zu einem tiefen Atemzug aus, bevor sie sich ihrer Angst stellt. Wir gegen den Rest.

Wir streifen das Haus, in welchem sie mich großgezogen hat, bevor unser Leben einer schlagartigen Veränderung unterzogen wurde. Ich kämpfe mit den Tränen, woraufhin sie meine Hand nimmt und mir mit einem festen Händedruck beteuert, dass alles gut ist. Augenblicke später verrät sie mir, dass sie sich eines Abends auf das Grundstück geschlichen und Fotos vom Inneren meines Baumhauses gemacht hat. Sie konnte es nicht übers Herz bringen, all die Erinnerungen meiner Kindheit verblassen zu lassen. Die bunten Bustaben an Decke und Türen, sollen für immer in unserem Gedächtnis tanzen. Wir gegen den Rest.

Unser Weg führt uns weiter Stadteinwärts, zu einer traumhaft schönen Kulisse, weit über den Dächern Dresdens. Wir lassen unsere Blicke über diesen malerisch, bezaubernden Anblick schweifen und stoßen mit Schwarzbier auf die Zukunft an. Sie sieht so besonnen und glücklich aus, seit dem sie all die Sorgen hinter sich gelassen hat. Frei und lebendig, als wäre nie etwas gewesen. Ich bewundere ihre Stärke von Tag zu Tag mehr und hoffe später einmal genauso über den Dingen stehen zu können. Wir gegen den Rest.

Ein wunderbarer Tag zieht an uns vorbei. Ich küsse ihre rot glühenden Wangen und halte sie fest in meinen Armen. Sie ist einzigartig, liebevoll und bemessen. Sie ist meine Mutter – und ich danke ihr für jeden Tag, den ich mit ihr bisher gemeinsam verbringen durfte. Ich danke ihr für all die Worte, Taten und Stärken die sie bewiesen hat. Und all die schönen Momente, die noch folgen werden.

Ich danke dir Mom, dass du so bist wie du bist. Und vor allem danke ich dir dafür, dass ich deine Tochter sein darf. Ich liebe dich. Genieß deinen Ehrentag! Genieß den Muttertag!  

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Die weißen Vorhänge gehören der Vergangenheit an. Dort wo einmal ein Sofa zum entspannen einlud, existieren nur noch Klappstuhl und Campingtisch. Die gilblich schimmernden Flecken, lassen erahnen, was sich dort einmal befunden haben muss. Das Haus ist leer. Glühlampen ragen einsam von den Decken. Löcher in den Wänden zeigen das auf, was nicht mehr gerettet werden kann. Es ist vorbei. Wir müssen uns verabschieden. Die Lichter löschen. Wir müssen damit abschließen. Mit dem schwarzen Haus.

Es ist später Nachmittag, als ich meinen Schlüsselbund das letzte Mal zur Hand nehme. Meine letzte Hoffnung, dass das alles doch nur ein widerlicher Alptraum ist. Augenblicklich wird er mir aus den Händen gerissen. Jeder einzelne Schlüssel gleitet mir aus den Fingern. Und mit ihnen entschwinden auch die Erinnerungen. Mein Herz pocht. Es ist vorbei. Es ist wirklich. Wir müssen uns verabschieden. Vom Schwarzen Haus. 

img_0176Kaum ein Auge bleibt trocken. Es war eine harte Zeit, aber von nun an wird alles besser – sagen Sie. Ich muss lächeln. Ein trockenes Lächeln. Denn ich weiß, dass es ein langer Weg bis dahin wird. Sie wissen nicht wovon sie reden. Wie auch, wenn sie keine Ahnung haben, mit was wir wirklich zu kämpfen hatten? Oberflächliche Gespräche machen uns nicht gleich zu besten Freunden. Und hinterhältige Unterhaltungen machen euch nicht automatisch zu Allwissenden. Es ist immer noch unser schwarzes Haus. Unsere Auseinandersetzung. Unser Alptraum.

Wir sind erlöst, irgendwie. Aber irgendwo bohrt sich auch ein erneuter Pfeil durch unsere Herzen. Ich glaub es wird zu einer chronischen Krankheit und keine Medizin der Welt wird helfen, diesen Schmerz zu lindern. Wir können zwar versuchen, all das, durch eine Vielzahl von neuen, reizvollen Erinnerungen auszulöschen, aber seien wir mal ehrlich, es würde immer weh tun. Wir können nicht vergessen was passiert ist. Wir haben vielleicht die Kraft damit abzuschließen, aber dennoch wird uns die Vergangenheit immer wieder einholen. Eine einzige Autofahrt reicht aus. Aber wir müssen. Wir müssen uns verabschieden. Vom schwarzen Haus. 

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Denn es ist nicht mehr unser schwarzes Haus. Ab jetzt.

Einzig und allein die blauen Worte aus Kreide im hölzernen Häuschen werden unsere bleiben.

Und damit versuche ich abzuschließen.

Mit dem schwarzen Haus.

20 Jahre.

Es war schön.

Danke. 

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  Die Bilder entstanden 2012 in Camaret / Frankreich

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